Konsequenzen

Heute wurde ich, für meine Aktion, von meiner Arbeit freigestellt.

killernde Presse und mörderische Profile

Noch bevor die Meldungen über das Blutbad die halbe Welt erreichte, machte sich die Presse auf die Suche nach dem Täter und den Hintergründen, sein Leben und sonstige Details. Auf der Arbeit klingelte das Telefon ununterbrochen, N24, NTV und diverse andere „Nachrichten“-Sender wollten Insiderinfos über den Killer. Bekamen aber keine – also muss man weiter forschen.

Google ist da immer ein adäquates Mittel für den fleißigen Sensations-Reporter.

Leider findet man nicht all zuviel Details über eine Person namens „Tim Kretschmer“. StalkerVZ und MySpace bringen nix ans Tageslicht, Ein Paar Impressumseinträge scheinen nix mit dem Tim K. zu tun zu haben. Aber dann entdeckt man doch tatsächlich das XING-Profil von „Tim Kretschmer“. Ist es tatsächlich der Tim Kretschmer, der in Winnenden bei Stuttgart ein Blutbad angerichtet hat? Da ruft man einfach mal die Geschäftskontakte an, vielleicht haben die ja Infos.
Dass der Täter 17 und nicht 21 Jahre alt ist, interessiert niemanden. Über die angegebene Firma, gelangt man auf eine Mitarbeiterseite und siehe da – der Täter ist gefunden und dazu gibt es noch ein Foto! Jackpot – für alle Reporter und die, die es sein wollen.

Diese Sensation muss erstmal über die halbe Welt getwittert werden. Man Sprach von der deutschen Twitter-Stunde (ähnliche wie beim Hudson-River Wunder)


Hat eigentlich jemand darüber nachgedacht, warum ein Bremer Azubi in Stuttgart einen Amoklauf veranstaltet? Anscheinend nicht.
Da in dem Xing-Profil steht, dass er in der IT Branche aktiv ist, wurden sofort die ersten Meldungen wie „Killerspiele haben ihn zu der Tat verleitet“, „Er spiele Counter-Strike und WOW“ in der Welt verbreitet. Wie man diese Assoziation schafft, ist mir schleierhaft.
Man stellt eins fest: Was die Presse sucht und nicht findet, wird irgendwie zusammengedichtet – was man der Presse anbietet wird gefressen!

So wurde kurzerhand, zur Demonstration der Presse-Dummheit, das Xing-Profil für 3 Minuten umgeändert. Und siehe da, die Nachrichten überschlugen sich nur. So schrieb newsbizarre.com nicht nur, dass der Killer ein IT-Fachmann ist, sie konnten sogar (google Translate sei Dank) berichten, dass der Amokläufer auf Waffensuche war, Bombenbauanleitungen verkauft und Killerspiele gespielt hat. Dazu ein Foto und perfekt ist der Insider-Artikel. Die halbe USA war nun informiert. Nicht nur die halbe USA, nein, die Meldung verbreitete sich rasch über den restlichen Globus.

Mediengeilheit, Profilierungssucht wurde unterstellt, sogar Strafen wurden gefordert. Anstatt euch darüber aufzuregen, solltet Ihr lieber euren Kopf anstrengen und die Presse in Frage stellen!

Die Augsburger Allgemeine hat die Situation eigentlich richtig analysiert, aber wen Interessiert sowas – Wahrheiten will ja keiner lesen.

Bilanz:
20 E-Mails mit aussagekräftigen Inhalten wie

Xing Profil wurde über 7000 mal angeklickt
Xing-Geschäftskontakte wurden kontaktiert um Infos über „Tim Kretschmer“ zu erfahren
mehr als 10 Foren haben ausgiebig diskutiert
private Webprojekte haben 90mal so viele Besucher wie sonst
32 Facebook Freundes-Einladungen (wie man mich dort gefunden hat, ist mir schleierhaft)
Im ICQ kommen 9 Personen und fragen sich, warum man online sei
zahlreiche Anrufe auf der Privatnummer bis in die Nacht hinein

Denkt nach, bildet eure eigene Meinung, glaubt nicht jeden Quatsch den man euch erzählt. Ihr seid echt krank!
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